Denken braucht Zeit

Das Editorial zum aktuelle Programmheft fragt: Zug oder Auto, Stadt oder Land, bio oder billig, ich oder wir, teilen oder besitzen, ...

... öffentlich oder privat, Bauch oder Kopf, konsumieren oder produzieren, Gewinn oder Gewissen? — Im scheinbar endlosen Raum  an Möglichkeiten sind Entscheidungen zu komplexen Angelegenheiten geworden. Sie sind dringlicher denn je, notwendiger denn je und zugleich schwieriger denn je mit eigenem und abgesichertem Wissen zu fundieren. Und zwischendurch fragen wir uns: Entscheiden wir noch selbst? Wer oder was sortiert die Möglichkeiten vor, bereitet sie auf, bestimmt das »Framing«, betont also diese Realität und blendet andere aus?

Und doch: Entschei-dungen treffen zu können ist ein Privileg, ein unverzichtbarer Ausdruck von Freiheit. Ja oder Nein zu sagen, für oder gegen etwas einzutreten ist ein kostbares Gut — was umso deutlicher wird, als dass es vielen aufgrund präkerer Lebensbedingungen erst gar nicht zur Wahl steht.

Zum Zögern hat die Welt im Angesicht multipler Krisen offenkundig kaum mehr Zeit. — Und trotzdem gilt: Das Nachdenken vor dem Entscheiden, die gemeinsame Lösungssuche und der Diskurs, der ein erweitertes gegenseitiges Verständnis erzeugt — das alles braucht Zeit. Denn auch das ist eine Entscheidung: Sich trotz der spürbaren Dringlichkeit bei der ernsthaften Suche nach Lösungen nicht vom allgemeinen Beschleunigungsdogma überrollen zu lassen. Was für technologische und wirtschaftliche Prozesse gelten   mag — immer schneller, schlanker, effizienter —, gilt nicht unbedingt für  politische und soziale. Und es gilt auch nicht unbedingt für kreative Prozesse. Denken braucht Zeit.

Kreative Gestaltungsarbeit, so wie wir sie verstehen, öffnet Räume für Entscheidungen, dafür Ja oder Nein zu sagen, Alternativen aufzuzeigen — und immer wieder ein Verlangsamen einzufordern. Auch im Frühjahrsprogramm findet sich das wieder: Kris Krois erzählt, wie mit neuen Ausbildungsangeboten auf die veränderte Rolle von DesignerInnen reagiert wird; Harald Gründl definiert das Design der Zukunft als solidarisch und humanistisch; wir diskutieren darüber, wie Typografie in der Wissensvermittlung Positives bewirken kann, zeigen leidenschaftliche Gestaltungsarbeit von Stefanie Moshammer und Tony Brook und Henning Wagenbreths Illustrationen als Beitrag zur gesellschaftlichen Streitkultur.

Auch die Entscheidung darüber, was wir als Designforum vermitteln  wollen und sollen, ist immer wieder aufs Neue zu treffen. Wir versuchen uns daran mit jedem Programmjahr. 

 

Sujet Titelblatt: Studio Mut

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