Visuelle Gestaltung hat es nicht leicht. Einerseits das verheißungsvolle Bild vom kreativen Allroundtalent, das seine Umgebung ▢ schöner ▢ besser ▢ gerechter ▢ ______________machen will, andererseits die Welt, der solche Flausen meistens egal sind. Insbesondere in Tirol ist das Bewusstsein für Gestaltung und Kreativität, obwohl oft beschworen, nicht übermäßig. Groß ist eher die Gleichgültigkeit. Eine unlängst durchgeführte Studie der Wirtschaftskammer über die hiesige Kreativwirtschaft bringt das unmissverständlich zum Ausdruck: »Die konservative Einstellung der hiesigen Gesellschaft«, heißt es dort, »und die daraus resultierende geringe Nachfrage nach kreativer Leistung« empfinden viele als Hemmschuh, weshalb das Land für Kreative »derzeit nur bedingt attraktiv« ist.  Eigentlich ist das ein kapitaler Missstand. Ihn wenigstens in Ansätzen zu verändern, genau darin liegt das Ziel unseres »Forums für visuelle Gestaltung, Innsbruck« — WEISSRAUM. Mit den Vorträgen im aut., den workshops und exkursionen , mit den »Kamingesprächen ohne Kamin für BücherliebhaberInnen« schönebücher und dem weißraumcafé in der Kulturbackstube Bäckerei versuchen wir, die Neugierde gegenüber dem weiten Feld der visuellen Kommunikation und all seinen ruderalen Ausformungen (den eigentlichen Quellen der Kreativität) zu wecken oder zu vertiefen.  »Vermittlung« wird das, was WEISSRAUM tut, gemeinhin genannt, aber dahinter steckt doch weitaus mehr: Wissenstransfer; Kommunikationsplattform zwischen Ausbildungsstätten, Schülern, Kreativen, Wirtschaft und Kunden; ja, und in gewisser Weise sind wir auch »Lobbyisten«, also solche, die sich für eine bestimmte Sache einsetzen — in der Öffentlichkeit ebenso wie in unzähligen Gesprächen vor und hinter den sogenannten Kulissen, bei Geldgebern, Partnern, Interessierten.  WEISSRAUM steht allen offen, großen Agenturen ebenso wie EPU’s. Letztere, die kreativen »EinzelkämpferInnen«, liegen uns besonders am Herzen. Wir glauben nämlich, dass Kreativität bevorzugt an ungeplanten Stellen entsteht. In offenen Räumen und Szenen wächst am ehesten das, was man sich in einem durchwegs positiven Sinn von »Kreativität« im Bereich visueller Kommunikation erwarten darf: Die Suche nach neuen Ausdrucksformen, wie sich der Mensch mithilfe von Schrift, Text, Farbe und Bild und deren mannigfaltig wandelbarer Kombinatorik unterhält. Gute visuelle Kommunikation (die weit über werbliche Kommunikation hinausreicht) liefert — so Pierre Bernard in seinem Vortrag bei WEISSRAUM — keine fertigen Antworten, sondern initiiert weiterführendes Fragen und sorgt so für Aufmerksamkeit und Neugierde.  Nicht erst seitdem ganz allgemein wieder viel von Engagement und Empörung die Rede ist, formuliert visuelle Kommunikation den Anspruch, sich schaffend (creare) in den Lauf der Dinge einzumischen. Diese Einmischung kennt viele Facetten: Sie spricht die Nachdenklichkeit der Menschen ebenso an wie unseren Spieltrieb, die Perfektion ebenso wie das Unperfekte, den Protest ebenso wie die Hoffnung auf Besserung. Kreativität bedeutet deswegen immer Engagement. — Wofür? — Naja, auch auf die Gefahr hin, dass das bekannt klingt: Kreativität hat wohl in einem zeitlosen Sinn mit dem Versuch zu tun, an einer lebenswerten Umgebung mitzuwirken. In einer Zeit, deren Alltagskultur ganz maßgeblich von Grafik-Design mitgeprägt wird, ist das keine geringe Aufgabe.  Mitwirken an einer lebenswerten Umgebung — das ist es, worum es im anspruchsvollen Grafik-Design grundlegend geht (und immer gegangen ist). Die allermeisten Vorträge, zu denen WEISSRAUM seit 2005 eingeladen hat (es waren über 40), hatten genau das zum Thema — manchmal offen, manchmal verdeckt. Was jedoch schön klingt, ist im Alltag eine Herausforderung: Für eine Gestalterin/einen Gestalter ist es alles andere als leicht, in einem sich heute schneller denn je verändernden Umfeld Ansätze für die eigene Tätigkeit zu finden. Alles scheint schon da gewesen zu sein, wirklich Neues ist rar. — Und trotzdem: Es lohnt sich, danach zumindest zu suchen: da ein interessantes Thema, dort eine zufällig gemachte Beobachtung und hier — wiederum zufällig — ein plötzlicher Gedanke, in dem alles zusammenfindet und der sich sogar bei längerem Nachdenken als brauchbar erweist … So oder so ähnlich kann man sich heute die Situation eines Designers vorstellen. Es ist diese eigenartige Mischung aus neuen Konstellationen, Offenheit im kreativen Prozess und einer fast liebenswürdigen Hartnäckigkeit in der Umsetzung, die im Bereich der visuellen Kommunikation immer wieder zu faszinierenden Ergebnissen und sprichwörtlich neuen Betrachtungsweisen führt.  Diese Faszination am Gestalten trotz aller Routinen immer wieder von Neuem zu entfachen; die vielgestaltigen Möglichkeiten visueller Gestaltung in einem gesellschaftlichen Umfeld zu behaupten, dem Kreativität heute nicht selten ähnlich verdächtig erscheint wie ehedem Andersgläubigkeit; und schließlich ein Zugang zu Kreativität, der sich doch etwas unterscheidet vom Seitenblickehäppypeppi der Szenen, in denen dieses Wort auch sooogerne verwendet wird: Dazu möchte WEISSRAUM einladen. Anregend, ermunternd, entspannt. Und jenem bemerkenswerten Satz von Alfred Hrdlicka folgend: »Der liebe Gott ist nicht so lieb, dass er denjenigen, die keinen Inhalt haben, auch die Form schenkt.«